Belletristik-Lesetipp

Petra Mast empfiehlt: „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ von Peter Stamm.

Sehr verwirrend ist es für den Ich-Erzähler, als er beim Besuch seines Heimatdorfes  niemand geringerem als sich selbst, seinem „Anderen Ich“ von damals begegnet. Es ist nicht nur ein junger Mann, der gewisse Ähnlichkeiten mit ihm hat, sondern er beschreitet die exakt gleichen Lebenswege, die er damals selbst ging. Er liebt die gleiche Frau, die auch er begehrte und er steckt auch in den Anfängen einer Schriftstellerlaufbahn, so wie einst er selbst. Ruhelos und aufgewühlt folgt er seinem vermeintlichen Ich. Soll er in das Leben des jungen Mannes eingreifen, um ihm eine andere, möglicherweise bessere Wendung zu geben? Soll er ihn vor den Unwägbarkeiten der Zukunft warnen? Sind Korrekturen überhaupt möglich? Er entscheidet sich für einen anderen Weg: Ein Treffen mit der Frau (Lena), die nun mit seinem jüngeren Ich zusammenlebt und die die gleichen Züge trägt, wie seine verlorene Liebe von damals (Magdalena).
„Irgendwann musste uns das Glück abhandengekommen sein, ich wusste nicht, wie und warum es geschehen war.“ Mit Sätzen wie diesem erzählt Christoph der sehr viel jüngeren Lena aus seinem Leben. Ein Spiel der Vergangenheit mit der Gegenwart, aus dem keiner unbeschadet herausgehen wird.
Mit leisen, aber eindringlichen Worten erfährt der Leser von den zwei Wirklichkeiten der beiden Protagonisten: „wenigstens ein paar Stunden wollte ich in der Illusion leben, ich sei noch einmal jung und könnte meinem Leben eine andere Wendung geben.“ Beeindruckend, wie Peter Stamm damit die Individualität des eigenen Lebens in Frage stellt, wie er die Angst vor der Austauschbarkeit und ein Gefühl von Fatalismus spürbar macht.

Unweigerlich stellte ich mir die Frage: ist das Leben eine ständige Wiederholung?
Ein lesenswertes, keineswegs „sanftes“ oder „gleichgültiges“ Buch!

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